Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Das Fernsehen ist tot: Internet Killed The Video Star

Das Fernsehen ist totInternet Killed The Video Star

Meine Persönlichkeit wurde weder von väterlichen Leitfiguren noch von Vorbildern aus Fleisch und Blut geformt. Sondern einzig und allein vom Fernsehen. Sie ist das Resultat einer zirkulierenden Menge aus amerikanischen Vorzeigefamilien, überzeichneten Cartoon-Figuren und dem Wunsch ein Teil dieser austauschbaren, flimmernden Welt zu sein.

Während meine Mutter in der Arbeit war und meine Freunde dem Hausarrest unterlagen, war der Kasten meine Erziehung. Den ganzen Tag lang. Er brachte mir bei, was gut und böse ist. Was ich zu tun und zu lassen habe. Und wie man sein Leben in kleine Episoden einteilt, um seine Probleme innerhalb dieser zu lösen – und anschließend dem Abspann entgegen zu grinsen.

Das war früher. Denn während ich als Kind die Sender und seine Protagonisten vergötterte und das Programm des nächsten halben Jahres auswendig konnte, hasse ich heute nichts mehr als das deutsche Fernsehen. Was einst eine bunte und gesunde Mischung aus Unterhaltung, Information und Kultur war, ist heute nichts mehr als ein widerlicher Brei aus qualitativ minderwertigem Retorteneinerlei.

In einer unglaublichen Rotation werden Superstars, Topmodels und Z-Promis verbraten. Mitten im Leben, Verdachtsfälle, We are Family, Niedrig und Kuhnt, K11, Familien im Brennpunkt… Die Privaten stellen irgendwelche Assis in den Plattenbau, filmen sie beim Krisekriegen und verkaufen das als Entertainment. Und das Schlimme daran: Es funktioniert. Wie dumm muss Deutschland also sein?

Und die Öffentlich-Rechtlichen stehen daneben, wedeln mit ihrem Bildungsauftrag und ziehen sich leise und geschlagen in die Schicht der Fast-Leichen zurück. Die sich eh nicht mehr wehren kann. Fernsehen ist tot. Und es macht mich weich in der Birne. Wortwörtlich.

Während ich also mit dem mentalen Vorschlaghammer auf meine einst so geliebte Glotze eindresche, blinkt mir mein Laptop entgegen. Die ersten Folgen Mad Love wurden erfolgreich herunter geladen. Eine Serie, die in ein paar Jahren nach Deutschland kommt. Vielleicht. Wenn wir Glück haben. Ich freue mich. Sie kommt gleich in meinen Ordner. Irgendwo zwischen Rick & Morty, Skins und alten O.C.-Folgen.

Warum soll ich auch noch irgendeinen Gedanken, noch irgendeine Minute meines Lebens ans Fernsehen verschwenden, wenn ich all seine Vorzüge und noch viel mehr auch online genießen kann? Wann ich will, was ich will, wie viel ich will? Unzensiert, schnell, portionierbar. Und in einer unglaublichen Qualität?

Natürlich lasse ich bei meiner einseitigen Logik vollkommen außer Acht, dass die Programme, die ich selbst für sehenswert erachte, auch irgendwie finanziert werden müssen. Und dass es glatt einem Segen nahekommt, wenn der Großteil der Bevölkerung im Internet über Facebook und Instagram nicht heraus kommt, von Torrents, Streams und PirateBay keine Ahnung hat und so auf die Programmdirektoren von FOX, ProSieben & Co. angewiesen ist. Noch.

Denn die Herrschaft der Television geht langsam zu Ende. Sie hält sich nur noch durch einen krankhaften Mix aus Gewohnheit, Geld und Gier am Leben. Und die nachfolgenden Generationen werden einzig und allein vom Internet geformt werden. Ob das allerdings so gut ist, das sei einmal dahin gestellt.

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