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Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Japanese Girls Never Die: Der Tag, an dem Haruko Azumi verschwand
© Japanese Girls Never Die Film Partners

Japanese Girls Never DieDer Tag, an dem Haruko Azumi verschwand

Wie der japanische Originaltitel, nämlich Haruko Azumi Is Missing, andeutet, dreht Japanese Girls Never Die sich um das Verschwinden einer jungen Frau. Die 28-jährige, unverheiratete Haruko, gespielt von Yu Aoi, die in einem aussichtslosen Bürojob festsitzt und eine einseitige Liebe zu ihrem kauzigen Nachbarn hegt, ist kaum mehr als eine Zuschauerin ihres eigenen farblosen Lebens... bis sie eines Tages einfach verschwindet.

Rätselhafte Graffiti, die auf ihrem Vermisstenplakat basieren, schmücken plötzlich die Wände der Vorstadt, das Ergebnis der skurrilen und zufälligen Experimente zweier selbsternannter Künstler. In der Zwischenzeit bringt eine Bande kichernder Schulmädchen Terror und Gewalt auf die Straße, indem sie wahllos Männer angreift - dieselben Männer, die Mädchen wie Haruko Tag für Tag unterdrücken.

Daigo Matsuis Film Japanese Girls Never Die aus dem Jahr 2016 wirft viele Themen in unsere Richtung: einen lebhaften Protest gegen die Unterdrückung von Frauen, ein provokantes Pop-Art-Manifest und die unwahrscheinlich rührende Geschichte einer verschwundenen jungen Frau, deren rätselhaftes Schicksal so manch anderen Menschen auf unerwartete Weise verändern wird.

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Als ich die Produzentin Yoko Edami kennenlernte und wir uns gut verstanden haben, sagte ich zu ihr, dass ich gerne einmal etwas mit ihr zusammen machen möchte, beantwortet Daigo Matsui die Frage, wie er auf die Idee kam, Mariko Yamauchis Roman Haruko Azumi Is Missing zu verfilmen, in einem Interview mit dem i-D Magazin. Damals waren Yoko und ich beide 28 Jahre alt, genauso alt wie die Hauptfigur Haruko Azumi in Mariko Yamauchis Geschichte, und so waren wir sofort begeistert und beschlossen, es zu versuchen. Ich mochte Mariko Yamauchis Romane schon immer und wollte daraus einen visuell tollen Film kreieren.

Haruko wird vermisst, aber ihr Bild verbreitet sich weiter, führt der Regisseur aus, was ihm an der Geschichte besonders gut gefallen hat. Ich dachte, es wäre toll, das im Film zu zeigen, und ich wollte sehen, wie sich das Graffiti ausbreitet. Die Szene, in der Haruko verschwindet, ist auch spannend.

Ich habe mehrere Filme mit jungen Frauen gedreht, und es gab Zeiten, in denen ich mich in die Figuren der Mädchen hineinversetzt habe, obwohl ich sie überhaupt nicht verstehen konnte, sagt der Filmemacher über seine Arbeit mit weiblichen Charakteren.

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Die Erfahrungen, die ich dadurch sammeln konnte, waren sehr interessant. Deshalb hatte ich auch dieses Mal keine Widerstände oder Ängste. Vielmehr war es beruhigend, dass es Frauen im gleichen Alter wie Yoko Edami, Yu Aoi, die die Hauptrolle spielte, und andere an der Produktion Beteiligte gab. Es war interessant zu sehen, wie sie ihre Gedanken äußerten und wie sie sich in dem Werk widerspiegelten. Ich hatte das starke Gefühl, dass ich mit diesem Team arbeiten wollte.

Ich wurde in Fukuoka City geboren, erzählt Daigo aus seiner Vergangenheit. Meine Eltern leben in der wohlhabendsten Stadt in Kyushu, aber ich bin auf dem Land zur Mittel- und Oberschule gegangen, anderthalb Stunden entfernt. Ich bin dort aufgewachsen. Die Einkaufsstraßen waren geschlossen, und in der Schule galt: Wer die lauteste Stimme hatte, gewann. Ich wurde niedergemacht.

Ich war das Opfer, lacht der Filmemacher. Als ich Mariko Yamauchis It's Boring Here, Pick Me Up and Get Me Here und Haruko Azumi Is Missing gelesen habe, habe ich wirklich den Geruch dieser Zeit gespürt. Ich wollte, dass die Leute diesen Geruch auch im Film spüren, also habe ich den Film bewusst so gedreht, dass die Zuschauer den gleichen Geruch spüren können, wie wenn sie das Original lesen.

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Ich wollte, dass der Film die Geschichte von Haruko und Aina erzählt, erklärt der Regisseur, warum der Film, anders als das Original, in einer verschobenen Zeitachse spielt. Sie sind unterschiedlich alt, leben aber in derselben Kleinstadt und leiden darunter, von ihren Liebhabern verlassen zu werden und ihren Idealen nicht gerecht werden zu können. Obwohl sie in dieser Kleinstadt verschwinden wollen, können sie es nicht, weil sie überall Leute kennen. Wenn das passiert, gefällt mir Harukos Satz vom Verschwinden und Leben. Ich wollte darstellen, wie man durch das Verschwinden lebt, und nicht, wie man verschwindet, also habe ich die Zeitachse verschoben.

Hmmm, ich weiß es nicht, überlegt Daigo, ob der Film ein Protestfilm gegen eine frauenfeindliche Gesellschaft, in der Frauen ausgebeutet und unterdrückt werden, ist. Das Original hat ein starkes feministisches Element, also habe ich versucht, nicht zu weit in diese Richtung zu gehen. Ich bin ein Mann. Ich dachte, es wäre besser, es zu einer Hymne an die Menschheit zu machen, ohne es auf Frauen zu beschränken.

Nachdem der Abspann von Japanese Girls Never Die lief, war ich ehrlich gesagt ein wenig verwirrt. Schließlich tauchte der Film auf diversen Webseiten in der Kategorie Komödie auf. Aber das Mysterium um Haruko Azumis Verschwinden und die daraus resultierende Geschichte ist alles anders als witzig. Sie ist deprimierend, traurig und frustrierend - durch und durch.

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Das Leben von Haruko ist eine dumpfe, erdrückende, moderne Hölle. Ohne Aussicht auf Liebe, Freiheit oder gar Hoffnung dümpelt sie tagein, tagaus in ihrem miesen Job vor sich hin, fährt regelmäßig Toilettenpapier kaufen und verknallt sich auch noch in einen Taugenichts, der es lieber mit ihrer verheirateten Jugendfreundin treibt.

Genauso hart trifft es Aina. Von den Typen als leicht herumzubekommene Schlampe beschimpft, ist sie im Grunde lediglich auf der Suche nach jemandem, der sie versteht, liebt und Zeit mit ihr verbringen möchte. Eben einer ganz besonderen Person in ihrem Leben. Doch alles, was sie findet, ist eine von naiver Fröhlichkeit verdeckte Depression und die traurige Gewissheit, dass sie von allen nur verarscht wird.

Wenn Japanese Girls Never Die auch nur eine einzige Message hat, an der man sich orientieren sollte, dann die, dass man sein Glück in die eigene Hand nehmen muss. Dass man sein Umfeld hinter sich lassen darf, wenn es einen krank macht. Und dass die Hoffnung auf ein besseres Leben niemals stirbt, wenn man sich nur wieder daran erinnert, dass man einfach verschwinden kann, wenn man es denn möchte - und noch nicht tot ist. Vielleicht sollten wir von dieser Möglichkeit einfach öfter Gebrauch machen, bevor es irgendwann endgültig zu spät ist...

Samstag, der 25. Februar 2023

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