Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Berlin: Die Stadt der Nutten

BerlinDie Stadt der Nutten

Ich war noch nie bei einer Prostituierten. Entweder fand ich es moralisch schon immer verwerflich, Frauen dafür zu bezahlen, mit mir zu schlafen, oder ich hatte einfach nicht genügend Kohle. Klar, für Kinobesuche, Alkohol und Geschenke war immer etwas übrig, aber so direkt, so ohne Umwege für den Geschlechts­verkehr an sich auf mein Bankkonto zurück zu greifen, das hat es in meinem Leben bislang nicht gegeben. Keine Pimps, kein Rotlicht, keine Stundenhotels. Nicht sehr Rockstar-like.

Trotzdem hatte ich mich irgendwann an den Anblick der Prostituierten in der Oranienburger Straße gewöhnt und ich wunderte mich eigentlich nur noch über ihre hübschen Gesichter. Vor einigen Tagen schlenderte ich nun mit einer guten Freundin und ihrer kleinen Schwester nach einem Pizzeriabesuch den dortigen Gehsteig entlang, während uns von allen Seiten die müden Augen von Frauen entgegen starrten, die sich in einer Nacht mehr Schwänze hinein stecken ließen, als eine normal gewachsene Mitteleuropäerin in einem Jahr. Kurze und lange, krumme und gerade, dicke und dünne.

Die kleine Schwester heißt Alina und ist acht Jahre alt. Nachdem sie die Frage stellte, was die vielen hübschen Frauen in den weißen Stiefeln dort machten und ob ihnen nicht kalt war, beantwortete ich diese in Kindersprache. Das seien Nutten und ja sie froren. "Was sind Nutten?" Ihr minimales Organ war ziemlich laut, die Bordsteinschwalben grinsten, eine guckte mich böse an. "Die lieben Männer für Geld."

Dieser Satz schwirrt nun seit einigen Tagen durch meinen Kopf und kommt da auch nicht mehr raus. "Die lieben Männer für Geld." Wie unglaublich traurig dieser Gedanke doch ist. Für beide Seiten. Für die Nutten und ihre Freier.

Wie Frauen in diese ausweglose Situation rutschen und ihre Genitalien gegen Bares zur limitierten Verfügung stellen. Und wie beschissen das Leben dieser Typen sein muss, die Monatsgehälter dafür draufgehen lassen, dass sie mal zum Stich kommen. Oder ist jeder von ihnen ein Charlie Harper und alles in ihrer bunten Welt ist Friede, Freude, Eierkuchen?

Macht der Beruf den Prostituierten wirklich Spaß oder geht es nur ums Geld? Träumten sie bereits beim Girls’ Day in der Schule vom Vögeln auf dem Straßenstrich mit irgendwelchen sechzigjährigen Fetteumeln, mit Gertrude zu Hause und Ausschlag an der Eichel? Oder hat das älteste Gewerbe der Welt am Ende etwa doch mehr Stolz und Elan als ich es mir vorstellen kann?

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