Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Die moderne Frau: Dreckiges Miststück
© Andrew Stapleton

Die moderne FrauDreckiges Miststück

Als ich mich mit Sarah zum Kaffee treffe, um ein wenig über die dunkle Psyche heutiger Frauen zu reden, macht sie einen sehr netten und sympathischen Eindruck. Hübsch, blond, Studentin. Keine Merkmale von körperlichem Verfall, strahlend blaue Augen. Wie ein Ozean. Während des Gesprächs kaut sie ab und zu an ihren Fingernägeln, nutzt jeden Sonnenstrahl, um sich draußen schnell eine Kippe anzuzünden. Es ging um Feminismus, Weiblichkeit im Allgemeinen und Sex.

"Weißt du", beginnt sie, nachdem wir fast eine Stunde lang über ihre verkorksten Eltern, ihren toten Hund und den Sinn und Unsinn von Eiersalat philosophiert haben, "Wir Frauen tun immer nur so, als ob wir nicht versaut wären. Ganz lieb, nett und unschuldig. Dabei sind wir die größten Schweine. Ich schwör's dir!"

Sarah nimmt einen tiefen Schluck von ihrem kalten Kaffee und fährt fort. "Wir stehen drauf, wenn wir einen Dreier mit zwei Männern haben. Wenn wir versaute Sachen ins Ohr geflüstert bekommen. Und wenn wir harten Sex haben. Ich. Mag. Harten. Sex." Sie schaut mir tief in die Augen, ich schlucke hörbar und bin schon fast peinlich berührt, grinse aber reflexartig zurück.

In meinem Kopf male ich mir die krassesten Geschichten aus, die dieses unscheinbare Mädchen wohl schon über sich ergehen lassen musste. Oder durfte. Oder konnte. Die nächste Lieferung Kaffee rückt an. "Ich verspreche dir. Jedes dieser kleinen, süßen und höflichen Mädchen da draußen ist in Wahrheit ein dreckiges Miststück. Sie sind nichts weiter als Männer. Nur mit Titten. Und das macht sie nur noch unberechenbarer." Sie scheint meinen irritierten Blick zu genießen.

"Glaubst du mir etwa nicht?" Ich krächze ein "Doch!" heraus und schaue verzweifelt der Kellnerin hinterher. "Ich habe letztes Wochenende mit sieben verschiedenen Leuten geschlafen. Innerhalb von zweieinhalb Tagen, mein Junge. Und zwei davon waren meine besten Freundinnen. Wir machen das öfter."

Die Hollywoodmaschine in meinem Kopf fährt nun auf Hochtouren. "Einen Dreier mit mexikanischen Austauschstudenten, einmal mit dem besten Kumpel meines Bruders in einem Aufzug in Marzahn. Ja und sonst halt ganz Standard auf dem Klo im KitKatClub oder in unserer WG." Ich musste hier weg. Sofort.

Als ich für uns beide zahle und mich dabei frage, warum ich sie nicht einfach packe und wir es hier und jetzt treiben, gibt sie mir einen Kuss auf die Wange und ich höre sie noch irgendetwas von "Ich schreib dir was!" rufen, bevor sie auf ihren klapprigen Drahtesel hüpft und davon fährt. Ich sehe ihr gebannt einige Minuten hinterher. Bilder in meinem Kopf, nichts mochte ich lieber als solche Mädchen.

Zu Hause angekommen schickt sie mir ziemlich unvorbereitet ein Foto ihrer Muschi. Am rechten Rand des Venushügels hatte sie sich einst ein kleines, schwarzes Herz tätowieren lassen. Der Anblick gefällt mir. Nachdem ich mir ein heißes Bad genehmigt hatte, um die aufschlussreichen Stunden mit der Hobbynymphomanin auch körperlich zu verdauen, trockne ich mich ab und sende das Foto an Sarahs Freund. Dabei lächle ich wie ein kleiner Teufel und gönne mir ein Bier. Dreckiges Miststück.

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