Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Drogen in Berlin: Aus Einmaligkeit wird Gewohnheit
© Danilo Alvesd

Drogen in BerlinAus Einmaligkeit wird Gewohnheit

In Berlin gibt es drei Sehenswürdigkeiten. Den Fernsehturm, das Brandenburger Tor und die Dealer. Wenn man erst einmal auch seelisch in der Stadt angekommen ist, dauert es nicht mehr sehr lange, bis man jemanden kennen lernt. Und der kennt jemanden, der jemanden kennt. Ehe man sich versieht, findet man sich mit zwei, drei Leuten bei einem netten Mann um die Ecke wieder. Er lächelt freundlich. Wir plaudern ein wenig über das Leben und die Freundin und den Tod, er drückt uns ein paar Tütchen in die Hand und schwingt sich auf sein Rad. Bis zum nächsten Mal.

Jedes Jahr sterben in Deutschland über 1000 Menschen an dem Missbrauch von illegalen Drogen. Die Hauptstadt liegt im nationalen Vergleich immer aufs Neue vorn. Natürlich hält das hier niemanden davon ab, sie trotzdem zu konsumieren. Die Partynächte in den Trendbezirken der einst geteilten Metropole sind anstrengend, laut, kräftezehrend. Ohne Speed, LSD oder Ecstasy hält das niemand lange aus. Illegalität hin oder her – man muss nur wissen wo man rankommt. Und auf welche Weise.

Keiner sieht sich als abhängig an. Pillen oder Pulver durch die diversen Körperöffnungen ziehen, das gehört schließlich dazu wie Red Bull Sugarfree in der Hand und Falafel im Magen. Mal zum Aufputschen, okay. Um gut drauf zu sein. Die Müdigkeit zu vertreiben. Im Herzen und im Kopf. Als zerstörter Junkie in der Ecke liegen, das passt nicht zur imaginären epischen Nacht. Dabei kennt jeder von uns ehemalige Freunde, die den Absprung nicht mehr geschafft haben und als seelenlose Opfer in den Fängen der bewusstseinserweiternden Substanzen hängen geblieben sind.

Drogen als Ganzes zu verteufeln und sie als Nischenprodukt für Abhängige und Verlierer abzustempeln, scheint einfach zu sein, wird aber der Realität nicht gerecht. Sie sind fest in jeglichen Schichten der Gesellschaft verankert und versuchen die Menschen seit Jahrtausenden in einem breiten Spektrum zu verführen. Egal ob als Bier, Zigaretten oder Heroin. Der Vorsatz ihnen keine Macht zu verleihen, scheint zwar gesetzlich gut gemeint, erweckt bei vielen aber nur ein müdes Lächeln.

Ein bisschen experimentieren ist ja in Ordnung. Wir leben schließlich nur einmal. Was soll schon groß passieren. Einmal dieses, einmal jenes. Das kann nicht schaden. Problematisch wird das erst, wenn aus dieser Einmaligkeit Gewohnheit wird. Regelmäßige Einmaligkeit. Wenn wir Dienstag Morgen zum Früchtemüsli schon ‘ne Line ziehen. Einfach um zu gucken, was so geht. Wenn wir lustige Smiley-Pillen als Aufraffhilfen missbrauchen, nur um endlich mal wieder den Arsch hoch zu bekommen. Oder wenn Kiffen mehr Zeit in Anspruch nimmt als Kochen, Wäschewaschen und Onanieren zusammen.

Wie bei allen suchtpotenziellen Eigenarten dieses Daseins ist es wichtig die Balance zu halten. Zwischen ausprobieren und konsumieren. Zwischen spielen und brauchen. Zwischen leben und sterben. Denn wenn wir unsere Zukunft einer Macht anvertrauen, die unser Bewusstsein auf Dauer ficken kann, müssen wir nicht nur bereit sein, die Konsequenzen dafür zu tragen. Wir sind ebenso dazu verpflichtet, ständig die Balance zu halten. Zwischen Einmaligkeit und Gewohnheit. Und das nicht nur für uns selbst.

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