Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Ficken statt Fortnite: Die Jugend ist an die Jugend verschwendet

Ficken statt FortniteDie Jugend ist an die Jugend verschwendet

Eine traurige Wahrheit schwebt wie eine dunkle Wolke über unserem gesamten Leben. Vom Anfang bis zum Ende ist sie der Schlüssel zu unseren geplatzten Träumen, bereuten Entscheidungen und vernichteten Hoffnungen. Von der Geburt bis zu unserem Tod wacht sie über uns, bringt uns zur Verzweiflung, wie eine niemals greifbare Antwort, deren kurze Berührung uns in tausend Teile zerbersten lassen würde. Die Jugend ist an die Jugend verschwendet.

Dass ich nicht mehr jung war, fühlte ich zum ersten Mal auf einer Party, auf der auch ein jüngerer Bekannter von mir eingeladen war. Er sieht mir sehr ähnlich. Oder anders ausgedrückt: Ich sah einmal so aus wie er. Wir quatschten mit einer jübschen Frau. Sie war Anwältin. Oder Musikerin. Oder Anwaltsmusikerin. Ist ja auch scheißegal, was sie war.

Als wir uns in die Nacht verabschiedeten, fragte sie nach einer Nummer. Großkotzig fing ich an mit "Null, Eins, Fünf..." "Nene, nicht deine. Deine!" Die Anwaltsmusikerin sah meinen Bekannten an. Er sah mich an. Ich sah beide an und wollte lachen, konnte es aber nicht. Während er ihr seine Nummer ins Handy tippte, brannte sich dieser Satz in meinen Kopf hinein. "Nene, nicht deine." "Nene. Nicht deine." "Nene. Nicht. Deine."

Die Anwaltsmusikerin wollte meine Nummer nicht einmal aus Höflichkeit. Nicht einmal als Ersatzbettgeschichte war ich noch gut genug, falls mein Bekannter sie abblitzen ließ und sich einfach nicht bei ihr meldete, und sie trotzdem einen warmen Körper für eine kühle Nacht brauchte. Sie schien mich gemustert und gedacht zu haben: Ne, da hole ich doch lieber meinen verstaubten Vibrator aus dem Schrank, anstatt den drüber rutschen zu lassen.

Plötzlich war sie da. Die Panik. Und die tickende Uhr, die sie mitbrachte. Im Handumdrehen war ich alt. Gehörte ich in dem einen Moment noch zu den festen, prallen, vor Sexualität quasi nur so strotzenden Jugendlichen, mit denen jeder, der nicht gehirntot war, Geschlechtsverkehr haben wollte, war ich im nächsten nichts weiter als eine alte, verdorrte Pflaume, die quasi bereits mit einem Fuß im Altenheim stand und nun lediglich auf den Tod warten konnte. Ist das ein graues Haar auf meinem Kopf?

Mein Bekannter ist jung, hübsch und könnte Model für eine Calvin-Klein-Werbung sein, so wie er jeden Raum erstrahlen lässt, in den er tritt. Er ist das, was alte Menschen, mich nun eingeschlossen, für die jugendliche Schönheit in Person halten. Seine Haare sind pechschwarz, die Augen eichelbraun, seine Lippen sind geschwungen, sein Bauch ist flach, sein Hintern ist fest. Er ist so perfekt, dass Homosexualität plötzlich eine Option für mich war.

Und was macht mein Bekannter aus seiner Jugend? Gar nichts. Er sitzt den ganzen Tag zu Hause herum und lernt, weil er einmal Medizin studieren möchte und auf ein Stipendium hofft. Eine Freundin hatte er noch nie, dafür hat er bereits mit einem Mädchen geschlafen und sich von zweien einen blasen lassen. Im Grunde ist er also noch Jungfrau.

Wenn wir zusammen feiern gehen, ist er kein Mauerblümchen, nein, er tanzt, er lacht, we trinkt. Und dann geht er nach Hause und schaut vielleicht noch eine Folge von The Good Doctor auf Netflix, um morgen wieder fit zu sein, frühmorgens joggen zu gehen und anschließend wieder zu lernen. Wie so ein verdammter Streber, den man früher auf dem Pausenhof grün und blau geprügelt hätte.

Mein Bekannter ist jung und ich bin alt. Das wäre ja in Ordnung. So ist eben der Lauf der Dinge. Wir waren alle mal jung und viele von uns werden alt. So ist das eben. Aber diese Wahrheit wäre leichter zu verdauen, wenn mein Bekannter wenigstens etwas aus seiner Jugend machen würde. Doch er denkt nicht ans Jetzt, er denkt nur an seine Zukunft.

Junge Menschen wollen alles, nur nicht jung sein. Sie möchten die grenzenlose Freiheiten spüren, die die Erwachsenen sich hart erarbeitet haben. Doch diese Freiheit gibt es gar nicht. Sie existiert nicht. Sie ist eine Falle, aus der du nicht mehr entkommen kannst. Nur durch den Tod. Erwachsen sein ist scheiße. Das weiß jeder, der plötzlich nicht mehr jung war.

Natürlich kannst du theoretisch alles machen, was du willst, wenn du erst einmal erwachsen bist. Du kannst hin fahren, wo du willst, trinken, was du willst, essen, was du willst, kaufen, was du willst, ficken, wen du willst. Theoretisch kannst du das zumindest alles machen. Die Realität sieht leider anders aus.

In der Praxis kannst du einmal im Jahr für zwei Wochen nach Mallorca fliegen, weil du sonst deinen Job verlierst, zwei Biere am Wochenende trinken, weil du sonst als Alkoholiker giltst und sowieso nichts mehr verträgst, lieber Salat statt Cheeseburger in dich hinein stopfen, weil du sonst mit einem Kran aus deiner Wohnung gerettet werden musst, besser ein gebrauchtes iPhone 8 als den neuen Scheiß kaufen, weil du dir nichts anderes leisten kannst, und die fette Susanne mit der Warze im Nacken auf dem Parkplatz von irgendeiner Ü30-Party besteigen, weil dich niemand Hübscheres und Jüngeres mehr ranlässt.

Es gibt einen Grund, warum alte Menschen ihre gesamte Rente für irgendwelche beschissenen Cremes und Elixiere ausgeben, die ihnen ewige Jugend versprechen. Weil sie gemerkt haben, dass nichts sich so gut anfühlt, wie jung zu sein. Jeder Mensch über dreißig, er behauptet, er wäre mit seinem Alter zufrieden, würde seine Reife genießen, müsse sich keine Sorgen um die Zukunft machen, lügt. Und glaubt das auch noch.

Warum lügen sie? Weil sie sich irgendwie schön reden müssen, dass sie sich direkt auf der Überholspur in den nächsten Sarg befinden. Ihr Partner wird sie schon bald für die jüngere Sekretärin oder den heißen Tennistrainer verlassen, weil sie es nicht mehr für nötig halten, sich die grauen Schamhaare abzurasieren oder sich unter den Möpsen zu waschen. Sie sind alt und können das nicht mehr ändern.

Irgendwann wird mein Bekannter Chefarzt in irgendeinem versifften Klinikum sein. Natürlich ohne seinen flachen Bauch und festen Po. Und seine wallend schwarzen Haare werden ihm auch ausgegangen sein. Und trotz seines Geldes, seiner Karriere und seiner Erfolge wird er seiner Jugend nachweinen und sich wünschen, dass er mehr aus dieser kurzen Zeitspanne gemacht hätte als nur zu Hause zu sitzen, zu lernen und Netflix zu schauen.

Es ist ein Schlag ins Gesicht für alte, vergreiste und bald tote Menschen wie uns, wenn die jungen Leute nichts aus ihrer Lebensfrische macht. Wenn sie den ganzen Tag zu Hause hocken und für Medizin büffeln oder Fortnite zocken, anstatt sich ihre festen Leiber beim Rudelbumsen auf irgendeinem Kindergeburtstag vollsauen zu lassen. Eine traurige Wahrheit schwebt wie eine dunkle Wolke über unserem gesamten Leben: Die Jugend ist an die Jugend verschwendet. Und jetzt runter von meinem Rasen!

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