Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Faule Mädchen: Rinsing ist das neue Ficken
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Faule MädchenRinsing ist das neue Ficken

Menschen werden immer fauler. Ich sehe das ja an mir selbst. War ich früher noch auf jeder Party, auf der mehr als zwei Menschen gleichzeitig eingeladen waren, um mich mit billigem Wodka, oft in Verbindung mit Orangensaft, Tonic oder Red Bull, zu betrinken, an fremden Joints zu ziehen und mit irgendwelchen Leuten rumzuknutschen, also ein bilderbuchmäßiges Sozialleben zu führen, sitze ich heute höchstens in Unterwäsche auf meinem Bett, esse Pizza und bewege mich lediglich dann, wenn Netflix mich mal wieder fragt, ob ich immer noch weiter schauen würde oder ob sie einen Krankenwagen rufen sollen, weil ich stundenlang kein Lebenszeichen von mir gebe. Ja, verdammt, ich lebe noch! Ihr werdet schon merken, wenn ich tot bin und eure scheiß, ständig teurer werdenden Abogebühren nicht mehr bezahlen kann!

Und damit wären wir auch schon beim Punkt: Faulheit bringt kein Geld. Faulheit bringt kein Shopping. Faulheit bringt kein Auto. Faulheit bringt kein Abendessen in schicken Restaurants. Faulheit bringt keinen Spaß. Faulheit bringt keine Ehre. Und Faulheit bringt auch keinen Partner, der ab und zu seine primären und sekundären Geschlechtsteile an dir reibt, damit du ihm noch die nächsten drei Jahre auf der Tasche liegen kannst. Zumindest solange, bis du jemand Besseres, Schöneres oder schlichtweg Reicheres findest. Faulheit bringt gar nichts. Außer ein einfaches Leben, bei dem man sich nicht bewegen muss.

Und weil Leute faul sind und trotzdem von naiven Mitmenschen durchgefüttert werden wollen, haben sie das Rinsing erfunden. Was zum Teufel das schon wieder sein soll? Ich erklär's euch: Rinsing ist so ähnlich wie Goldgräbern. Nur, dass die Gören dabei sogar zu unbrauchbar sind, um sich mit den reichen Männern zu treffen. Geschweige denn ins Bett zu gehen. Im Grunde bekommen die Typen gar nichts. Außer ab und zu ein paar warme Worte. Kleine, digitale Herzchen. Und, wenn sie wirklich, wirklich Glück haben, das ein oder andere Nacktfoto. Natürlich ohne Gesicht. Also irgendeins aus dem Internet.

Beim Rinsing ist man quasi in einer Partnerschaft, ohne auch nur irgendwas dabei tun zu müssen. Zumindest, wenn man die weibliche Rolle ausfüllt. Außer immer mal wieder die Hand aufzuhalten und das Geld eines armen Trottels entgegen zu nehmen, der sogar zu dumm dafür ist, für Sex, Liebe und vorgetäuschte Wertschätzung zu bezahlen. So wie andere hässliche Männer das eben auch machen. Dafür gehen sie ja schließlich von Montag bis Freitag, und manchmal sogar am Wochenende, arbeiten. Damit sie ihren ständig viel zu geringen Lohn dann wieder bei einer genervten Prostituierten, bei einer arbeitslosen Twitch-Streamerin oder bei einer gelangweilten Studentin mit exhibitionistischen Neigungen verballern können.

Auf einschlägigen Webseiten wie OnlyFans, Ohlala oder MySugarDaddy biedern die achtzehnjährigen Brustbesitzerinnen sich dann mit total kreativen Biografien wie "Hallo! Ich bin hier angemeldet, um einen Rinsingpartner für die späten oder frühen Abendstunden zu finden. Wenn du magst, schreib mich gerne an!" bei mehr oder weniger wohlhabenden Männern an, die es wiederum geil finden, Geld für heiße Jugendliche rauszuhauen, ohne dafür irgendetwas zu bekommen.

Kein Sex, keine Liebe, nicht einmal ein Kuss. Echte Rinsingbeziehungspartner haben sich noch nie im Leben getroffen. Er zahlt, sie sagt Danke. Das war's. Warum man das macht? Mir diese Frage zu stellen, habe ich nach etlichen Jahren im Internet aufgegeben. Es gibt immer irgendwen, der irgendetwas vollkommen Sinnloses macht. Und zwar mit Leidenschaft. Zum Beispiel ein Gecleanter sein, der gerinst wird. So nennt man nämlich die männlichen Partner in einer Rinsingbeziehung auf Neudeutsch.

Früher haben die Frauen wenigstens noch so getan, als würden sie den armen Idioten irgendetwas dafür geben, wenn er ihnen ein Auto, eine Wohnung oder den Unterhalt für ihre von sechs verschiedenen Männern stammenden Gören spendiert. Man war Golddigger, Prostituierte oder suchte sich einen Sugardaddy. Wie so ganz normale Frauen. Doch heute sagen sie den Typen ins Gesicht: Hallo, ich bin scheiße geil! Du bekommst gar nichts! Gib mir dafür gefälligst Geld! Danke!

An alle Frauen, die in einer, zwei oder zwölf Rinsingbeziehungen gleichzeitig stecken: Ich will euch eigentlich aus tiefstem Herzen hassen. Aber im Grunde macht ihr alles richtig. Wie sollte ich da also wütend auf euch sein? Letztendlich bin ich nur neidisch. Und eifersüchtig. Und missgünstig. Weil ich nicht das Gleiche machen kann. Aus diversen Gründen.

Ihr nutzt das System der notgeilen Typen mit einer solch faulen Effizienz aus, dass ich nur meinen nicht vorhandenen Hut ziehen kann. Die Welt hat euch eine Chance gegeben und ihr greift sie, ohne euch die Finger schmutzig zu machen. Außer vielleicht ein wenig moralisch. Aber, hey, das passiert ja alles freiwillig. Und an alle Männer da draußen, die in einer Rinsingbeziehung stecken, kann ich nur sagen: Lol.

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