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Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Perfect Blue: Ich hab nur von dir geträumt
© Rapid Eye Movies

Perfect BlueIch hab nur von dir geträumt

Mima Kirigoe ist bereit, ihre Karriere als gefeiertes Popidol hinter sich zu lassen und eine glänzende Zukunft als Schauspielerin anzustreben. Ihr früheres Image abzulegen, erweist sich jedoch als weitaus schwieriger, als sie sich vorgestellt hat, und die düstere Welt des Showbusiness droht sie in die Tiefe der Verzweiflung zu ziehen.

Ist Mima in der Lage, die Dinge, die sie ausmachen, fest im Griff zu behalten, während die Strapazen ihres neuen Karrierewegs ihren Tribut fordern und eine bedrohliche Präsenz aus ihrer Popstar-Vergangenheit im Hintergrund lauert? Und während sich Wahnvorstellungen, Fiktion und Realität in ihrem Kopf vermischen, was ist es überhaupt, das sie ausmacht?

Ohne jeden Zweifel zählt der aus dem Jahr 1997 stammende Film Perfect Blue von Satoshi Kon, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Yoshikazu Takeuchi, zu den Animes, die man gesehen haben muss, bevor man stirbt. Und genau diesen Punkt habe ich gestern Abend von meiner Bucketlist streichen können. Was als Geschichte um ein Starlet und ihren Stalker beginnt, verwickelt sich mit jeder weiteren Szene in ein Gewirr aus zerbrochenen Träumen und zwielichtigen Erinnerungen.

Als gespannter Zuschauer durchbricht man mit jedem von Mimas Gedanken eine Metaebene nach der anderen, nur um am Ende fix und fertig zu sein, von all den psychotischen Eindrücken, die sich da gerade über einen ergossen haben. Wer ist Mima? Wo ist Mima? Und vor allem: Wieso ist Mima?

Man wird Schritt für Schritt Zeuge davon, wie die am Anfang so süße, fröhliche und naive Mima in eine Hölle aus Depression, Mord und Vergewaltigung geworfen wird. Wem kann man vertrauen und wem nicht? Wann hört man auf, man selbst zu sein? Und welche Entscheidung war schlussendlich richtig - und welche falsch?

Ich kann nur sagen, dass es eine Überraschung war, erzählt der Regisseur Satoshi Kon in einem Interview mit Midnight Eye über den Erfolg von Perfect Blue. Denn anfangs war dieses Projekt für den Videomarkt gedacht. Als sein Schöpfer war ich eigentlich etwas zögerlich, dass Perfect Blue in den Kinos gezeigt wird. Aber er lief dort an, und in der Folge wurde der Film zu einer Reihe von Filmfestivals eingeladen und von vielen verschiedenen Zuschauern gesehen. Außerdem konnte ich viele Länder besuchen, so dass ich am Ende sehr zufrieden war. Der Film kam bei diesen Zuschauern viel besser an, als ich es mir vorgestellt hatte, und ich war gleichzeitig ziemlich perplex.

Nein, der Film basiert nicht auf einer Kritik, beantwortet der Macher die Frage, ob der Film die dunklen Seiten der japanischen Idolkultur aufzeigen möchte. Wenn die Zuschauer durch den Film den Eindruck bekommen, dass das Idol-System in Japan so ist, ist mir das peinlich. Natürlich habe ich vor dem Film recherchiert und einige dieser Idol-Veranstaltungen besucht, aber die Art von Beispielen, die im Film verwendet werden, habe ich nicht gesehen. Außerdem war es nie meine Absicht, Geheimnisse hinter den Kulissen der Unterhaltungswelt zu enthüllen. Ich wollte einfach nur den Reifeprozess eines jungen Mädchens zeigen, das verwirrt ist, weil seine alten Wertvorstellungen zerschlagen werden, das aber dadurch als reifes Wesen wiedergeboren wird. Das ist es, was ich beschreiben wollte. Aber weil ich an der Idee eines Idols festhalten musste, kam der Film dazu, über diese besondere Welt zu sprechen.

Dem Onlinemagazin All the Anime äußert Satoshi Kon sich dann auf die Frage, was der Titel des Films überhaupt bedeuten würde. Das ist eine häufig gestellte Frage und gleichzeitig eine, die ich nur sehr schwer beantworten kann. Um ehrlich zu sein, habe ich ihn verwendet, weil es der Titel des Originalromans war. Ich vermute, dass die Worte eine gewisse Bedeutung hatten, aber da ich die Geschichte und wahrscheinlich auch das Thema geändert habe, ist die Bedeutung wohl verloren gegangen. Ich kann nur raten, denn ich habe den Roman nicht gelesen. Ich habe mir lediglich die grobe Handlung durchgelesen, die in dem mir vorgelegten Projektplan als nahe an der ursprünglichen Geschichte beschrieben wurde. Wir haben darüber diskutiert, den Titel zu ändern, aber er gefällt mir, er klingt bedeutsam und geheimnisvoll.

Die Schwierigkeit, dies herauszufinden, ist der Kern des Films, erwidert er eine Bitte um Erklärung, welche Szenen nun wahr und welche nur fiktiv sind. Wenn man den Film mehrmals sieht, um zwischen der objektiven Realität und dem subjektiven Erleben der Hauptfigur zu unterscheiden, verschwindet meiner Meinung nach die Würze des Films. Solange man akzeptiert, dass der Film unerklärlich sein soll, ist das in Ordnung.

Es könnte möglich sein, aber ich halte es nicht für wahrscheinlich, antwortet Satoshi Kon auf die Frage, ob es solch einen besessenen Fan wie Uchida auch in echt geben würde. In den meisten Stalkingfällen ist das Opfer dem Stalker persönlich bekannt. Ich glaube, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu wahnsinnigem Verhalten hat, aber diese Stalker schärfen ihre Besessenheit, um Ideen zu bekommen, die andere Menschen nicht verstehen können, und handeln entsprechend. Es war nicht das Ziel des Films, den Prozess und die Struktur der Gedanken des Stalkers zu erklären. Vielmehr habe ich einen perversen Menschen wie Uchida als völlig unerklärlich dargestellt. Wahnsinnige sind wahnsinnig, weil die Normalen sie nicht verstehen können. Hätte ich Uchida für jeden erklärbar gemacht, hätte man ihn wohl nicht mehr als verrückt bezeichnen können.

Grundsätzlich glaube ich nicht, dass sich der Animationsmarkt ändern wird, beendet der Regisseur das Interview mit der Antwort auf die Frage, ob Filme wie Perfect Blue den Klischees von Animes wie große Roboter und hübsche, kleine Mädchen, etwas entgegen setzen können. Zeichentrickfilme, die auf beliebten Comics und riesigen Robotern und großäugigen Mädchen mit beschämend knappen Kostümen basieren, werden weiterhin die Leinwand füllen. Ich denke, das ist in Ordnung. Diese Produktionen befriedigen einen Bedarf: Die Zuschauer unterstützen die japanische Animationsindustrie. Dank ihnen ist Platz für einen Nicht-Mainstream-Schöpfer wie mich. Ich hoffe natürlich, dass auch viele ungewöhnliche Stücke erscheinen werden.

Perfect Blue ist eine bild- und durch den fantastischen Soundtrack von Masahiro Ikumi auch tongewaltige Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Der Film zeigt, dass Hoffnung und Verzweiflung meist nur einen unbeabsichtigten Schritt voneinander entfernt liegen, und die Wahrheit oft nichts weiter als ein längst vergessener Gedanke ist, der womöglich irgendwann einmal existiert hat, aber still und heimlich von Angst, Panik und dem Wunsch nach einer erlösenden Antwort ersetzt worden ist.

Sonntag, der 19. Februar 2023

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