Marcel WinatschekPhilosophische Texte über Gestaltung, Informatik und digitale Populärkultur
Blutende Mädchen: Ins rote Meer stechen
© Monika Kozub

Blutende MädchenIns rote Meer stechen

Das war folgendermaßen: Ich traf dieses Mädchen. Luxuskörper, etwas dunkel, keine Kinder. Sie liebte meinen Humor. Und wie ich Charlie Harper zitierte. Wir standen beide auf Nora Tschirner, philosophierten darüber, wie sie wohl im Bett ist. Lachen, zieren, rummachen – das übliche Programm halt.

Sie hieß Lena und wollte zu mir. Oder Lara. Clara? Nennen wir sie Mädchen. Glück gehabt, dass ich meine Sammlung gefüllter Mülltüten entsorgt und sich das dreckige Geschirr vor lauter Qual selbst in die Luft gejagt hatte.

Mein fetter Kopf war angefüllt mit eiweißhaltigen Gedanken; einzig und allein aus Höflichkeit spritzte ich ihr nicht schon im Treppenhaus ins Gesicht. Und wegen Frau Böhmer aus dem dritten Stock, die etwas langsam im Kopf und in den Beinen ist und uns ein fröhliches Weihnachten ’39 wünschte.

Chuck Norris persönlich hätte meine Wohnungstür nicht stilvoller öffnen können, wir werfen uns aufs Bett, ich tauche ab und finde mich plötzlich in einem klebrigen See aus Blut wieder. Chucky, Mörderpuppe, Lebensende.

Okay okay, alles klar. Periode, Menstruation, Erdbeerwoche. Kenne ich, bin ja nicht mehr zwölf. Mir egal, ich bin gerade geil. Schock überwunden, weiter geht’s. Zunge angesetzt, von den Brüsten runter bis zum Bauchnabel, temporärer Halt, Mädchen schmeißt mich vom Bett. Ich komme unsanft auf meinen zur Zierde blöd herum stehenden Hanteln auf. Als hätte ich die jemals benutzt. "Scheiße, was machst du?"

"Wir können nicht ficken, ich habe meine Tage." Danke für die Info, Süße. Da kannst du mir ja auch gleich die Lottozahlen vom letzten Mittwoch mitteilen. Langsam. Und mit Spannung in den Augen. "Mädchen, jetzt pass mal auf", bedächtig knie ich mich neben sie. "Ich bin da nicht so. Du weißt doch wie es heißt: Ein tapferer Pirat sticht auch ins rote Meer. Hey ho, let’s go!" Womöglich hätte ich die fulminante Aufforderung der Ramones nicht laut aussprechen sollen.

Mädchen zieht sich die Hose hoch, küsst mich auf die Stirn, ruft sich ein Taxi, verschwindet im Dunkeln der Nacht, RTL wiederholt noch nicht mal "Mitten im Leben!", so früh ist das. Bin ich irgendwie ein Monster, weil ich mir von Blutficks den Spaß an der körperlichen Liebe nicht verderben lasse? Krank, barbarisch, macht das sonst keiner? Eine Woche Pause, jeden Monat, Loch geschlossen? Und warum ist das fleisch­gewordene Leck überhaupt mit zu mir gekommen? Was dachte sie denn, was wir machen? Skispringen?

Selbst meine illegalen Seepferdchenpornos können mich jetzt nicht mehr aufheitern. Ich lege mich auf mein blutbespritztes Bett, drücke meinen Kopf in die Kissen und mein Gemächt in die Matratze. Nimmerland ist an diesem Abend rot. Meere aus Lebenssaft, Super Meat Boy, Brocken, Tampons, Feuerhimmel, Lavapalast. Und mittendrin stehe ich. Mit einer Latte und ohne Mädchen. Und der Frage, ob ich der einzige tapfere Pirat in diesem Land bin.

Kommentar schreiben